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Goslar Zinnfigurenmuseum Rund um Troja Völker, Fakten, Phantasien aus der Zeit um 1250 v. Chr. Glaubt man den Versen Homers, so war es eine Idee des Odysseus, die der zehn Jahre lang vergeblich von den Griechen belagerten Festung Troja den Untergang brachte: Der für seinen Listenreichtum berühmte Fürst aus Ithaka ließ ein hölzernes Pferd bauen und versteckte sich mit einigen ausgewählten Kriegern in seinem Rumpf. Die ahnungslosen und von ihrem lang ersehnten Sieg überzeugten Trojaner holten dieses Pferd in die Stadt – nicht ahnend, dass der vermeintliche Triumph dem nach Blut und Beute gierenden Feind Tür und Tor öffnete. Soweit der in seiner Sprachgewalt und seiner Einfallsfülle bis heute beeindruckende Bericht des Homer, der sich leicht als Phantasiegebilde abtun ließe. Doch spätestens seit der spektakulären Entdeckung Trojas durch den Archäologen Heinrich Schliemann ist davon auszugehen, dass die Sagen um den Niedergang der in Kleinasien gelegenen Stadt nicht nur reine Dichtkunst, sondern eine Schnittstelle zwischen historischem Tatsachenbericht und mythisch überhöhter Fabulierkunst darstellt. In Ilias und Odyssee gehen Fakt und Phantasie eine unauflösliche Verbindung ein. Und genau diese Spannung ist es, welche die Sonderausstellung im Zinnfigurenmuseum Goslar präsentiert und auf andere Regionen und Kulturen der damals bekannten Welt erweitert.
Fakt und Phantasie Die Exponate in der ersten Vitrine veranschaulichen die Grundidee der Ausstellung. Oben stehen drei Vignetten für die mythische Überlieferung durch Homer und seine Nachfolger ein. Sie zeigen die gängige Vorstellung des Trojanischen Pferdes als monumentales Holztier, das den Krieg um Troja auslösende Urteil des Paris und die den trojanischen Siegeswillen tief erschütternde Schleifung Hektors durch Achill. Ihnen gegenübergestellt sind drei Szenen, die historischen und archäologischen Erkenntnissen Rechnung tragen: Eine üblicherweise mit Tiernamen wie Widder, Skorpion und eben vielleicht auch »Pferd« versehene Belagerungsmaschine, den in Begleitung eines Kampflöwen in die Schlacht bei Kadesh ziehenden Pharao Ramses II. sowie den Empfang syrischer Händler an einem mykenischen Fürstenhof. Sie umreißen den von kriegerischen Auseinandersetzungen wie von intensiven Handelsbeziehungen geprägten, historischen Rahmen der Geschehnisse vor Troja, der in den Jahren um 1250 v. Chr. verortet werden kann.
Hinzu kommen unten historische Figuren aus der Nürnberger Offizin Ernst Heinrichsen, darunter eine Schlachtenpackung aus dem Jahre 1879, die das Zeltlager der Griechen vor Troja samt Papierhintergrund und Begleitbroschüre umfasst. Zudem wird hier der oben in Sammlerbemalung ausgestellte Streitwagen des Achill als Zeichnung, als Blankfigur und in einer fabrikbemalten Version gezeigt, um die verschiedenen Entstehungs- schritte einer Zinnfigur zu verdeutlichen. Die grafische Vorlage wurde 1880 gefertigt und stammt von Friedrich Willhelm Wanderer, einem Professor für kunstgewerbliches Zeichnen an der Nürnberger Kunstgewerbeschule. Graviert und von Heinrichsen auf den Markt gebracht wurde die Figur im Folgejahr, womit die Offizin recht unmittelbar auf die Schlagzeilen machenden Funde und Veröffentlichungen Schliemanns reagierte. In Konfrontation mit den im oberen Teil der Vitrine gezeigten Ausstellungsstücken sollen diese Figuren zugleich deutlich machen, in welchem Maße auch unser Zurückblicken in die Geschichte einem historischen Wandel unterworfen ist. Ilias In diesem Schaukasten befinden sich die Szenen aus dem Trojanischen Krieg. Den Auftakt bildet die auf das Urteil des Paris folgende Entführung Helenas durch den trojanischen Königssohn: Die siegreich aus dem in Vitrine 1 gezeigten Schönheitswettstreit der Göttinnen hervor- gegangene Aphrodite hatte Paris die schönste Frau der Welt zur Gemahlin versprochen. Davon, dass Helena bereits mit dem Spartanerkönig Menelaos verheiratet war, ließen sich weder Göttin noch Prinz beeindrucken, und beschworen so den Krieg um die Heimatstadt des Paris herauf. Gezeigt werden außerdem die griechischen Heerführer Diomedes, Odysseus, Menelaos, Nestor, Agamemnon und Achill sowie die trojanischen Edlen Hektor, Äneas, Paris und Troilus, die teilweise auch im Kampf aufeinandertreffen. Im Glauben, seinem Erzrivalen Achill gegenüber zu stehen, hatte Hektor dessen Freund und Waffengefährten Patroklos im Zweikampf erschlagen. Um Patroklos zu rächen, forderte Achill den gegnerischen Prinzen zum Duell heraus, besiegte und tötete ihn. Daraufhin band der Grieche den Toten an seinen Streitwagen und schleifte ihn zu dessen Demütigung und der Demütigung aller Trojaner um die Mauern der Stadt. Danach veranstaltete Achill eine pompöse Leichenfeier zu Ehren seines Favoriten Patroklos, bei der er zwölf Jünglinge, sechs Pferde und zwei Hunde opfern sowie Kampfspiele veranstalten ließ.
Ausfahrt der Nofretete Aus einem stärkeren Wechselverhältnis von Fakt und Phantasie resultiert die Szene in Vitrine 3. Sie zeigt die fiktive, gleichwohl an archäologischen Funden orientierte Ausfahrt der Königin Nofretete, deren sagenhafte Schönheit in Form einer heute in Berlin aufbewahrten Kalksteinbüste überliefert ist. Auf einem einachsigen, mit zwei Schimmeln bespannten Wagen prescht sie durch Tell el-Amarna. Vorlage für diese aus Blech geschnittene Serie ist ein Aquarell, das Fortunino Matania nach der spektakulären Entdeckung des Grabes von Tutenchamun, einem Schwiegersohn Nofretetes, fertigte. Im hiesigen Kontext scheint zudem interessant, dass auch etwa hundert Jahre nach dem Ereignis aus dem Leben der schönen Königin das ägyptische Großreich eine Art Vielvölkerstaat war, in dem sich Menschen aus dem gesamten Mittelmeerraum und den Regionen südlich des Reiches durchmischten. Viele von ihnen finden sich in der Menschenmenge, welche Nofretetes Fahrt bestaunt. Neben Ägyptern sind dies ein Wüstennomade mit seinen Eseln, Beduinen auf ihren Kamelen, äthiopische Leibgardisten eines ägyptischen Generals, sardische Leibwächter des Kronprinzen, syrische und hethitische Kaufleute sowie schwarze Sklavinnen aus den Haushaltungen ägyptischer Herren.
Ilias und Odyssee Vitrine 4 bringt uns zurück vor das kampfumtoste Troja. Für sich entscheiden konnte Achill auch die verlustreiche Schlacht gegen eine von der Schwarzmeerküste stammende Amazonenschar unter Führung ihrer Königin Penthesilea und das Gefecht mit dem aus Äthiopien herbeigeeilten Prinzen Memnon (siehe Vitrine 5). Achill selbst wiederum erlag einem Pfeil vom Bogen des Paris. Beschlossen wird der die Ilias darstellende Bereich mit der Eroberung Trojas und einer Szene, in welcher der Trojaner Äneas mit seinem Vater Anchises auf den Schultern und seinem Sohn Askaios an der Hand aus der zerstörten Stadt flieht, um laut Vergil ähnlich wie Odysseus zehn Jahre lang über das Mittelmeer zu irren und eine Vielzahl von Abenteuern zu erleben, bis er in der Region Latium im heutigen Italien sesshaft wurde. Die Überwindung des Menschenfressers, der Odysseus und seine Männer in einer Höhle gefangen hielt, zeigen Kleinszenen: Odysseus macht Polyphem mit Wein betrunken, blendet ihn mit einem gespitzten, glühenden Pfahl und klammert sich in das Bauchfell von ebenfalls in der Höhle eingepferchten, riesigen Schafen, damit sie ihn von ihrem Besitzer unbemerkt aus der Höhle tragen. Glücklich entkommen und stolz auf seine List, verlacht Odysseus den Geblendeten, woraufhin dieser einen Felsbrocken nach ihm schleudert und seinen Vater, den Meergott Poseidon, um fürchterliche Rache bittet. Die heutige Forschung erklärt die Vorstellung eines einäugigen Riesen mit den auf den Inseln des Mittelmeers gefundenen Schädeln von Zwergelefanten. Andere Völker zwischen Fakt und Phantasie In den Themenkreis homerischer Epik gehört auch das Exponat, in welchem der bereits erwähnte äthiopische Prinz Memnon den Aufmarsch seines Heeres überwacht, bevor er in die Schlacht um Troja zieht. Er wird dort auf Achill treffen und ihm im Zweikampf unterliegen. Herodot wiederum ist der Hinweis zu verdanken, dass Helena Troja vielleicht nie erreichte. Im Gegensatz zu Homer berichtet er im Zweiten Buch seiner Historien, dass es die Schönste unter den sterblichen Frauen nach Ägypten verschlug, wo Pharao von ihrem Raub erfuhr und ihr in Memphis Asyl gewährte. In der Ausstellung ist es Helena selbst, die ihre Entführung durch den trojanischen Königssohn Paris vor dem ägyptischen Gottkönig beklagt, während der trojanische Prinz wenig zu seiner Verteidigung vorzubringen hat. Glaubt man der Erzählvariante Herodots, so war es nur ein Trugbild Helenas, das nach Kleinasien verschleppt wurde und den zehn Jahre währenden Krieg um das sowohl strategisch als auch wirtschaftlich bedeutsame Troja verursachte. Eine Tochter Pharaos fand den israelitischen Säugling, als sie am schilfgesäumten Ufer des Nils ein Bad nehmen wollte. Nachdem der zum Manne gereifte Moses den ägyptischen Hof verlassen, die Israeliten aus der Gefangenschaft befreit und die Zehn Gebote von Gott empfangen hatte, stieg er vom Berg Sinai herab und sah voll Entsetzen und Zorn den Tanz seines Volkes um einen an ägyptische Götter erinnernden Götzen in Form eines goldenen Kalbs – woraufhin er die von Gott empfangenen, steinernen Gesetzestafeln zerschmetterte. Andere Völker in Fakten Speist sich die Darstellung der Begegnung von Helena und Pharao vor allem aus der Fabulierkunst Herodots, so konzentriert sich der hier beginnende Ausstellungsteil stärker auf historisch Verbürgtes aus Ägypten, das für die Jahre um 1250 v. Chr. als die einflussreichste und mächtigste Hochkultur gelten kann. Grabmalereien und weiteren archäologischen Funden folgen die Szenen, die ägyptischen Alltag, höfisches Leben, religiöse Bräuche und Kriegsgeschehen aus der Regierungszeit von Ramses II. und anderen Gottkönigen illustrieren. So zeigt Vitrine 6 eine Audienz am Hofe Pharaos, während der er Delegationen von Syrern, Shalagasha, Äthiopiern, Hethitern, Mykenern und Libyern empfängt, während Shardana – die sardische Leibgarde Pharaos – den Ablauf des Empfangs bewacht. Kleinere Szenen präsentieren weitere Völker, die mit den Ägyptern in kriegerischem oder friedlichem Austausch standen. Vitrine 7 zeigt das vielfältige Leben an den Ufern und auf den Wassern des Nils. Durch die Jagd auf Fische und Vögel bereicherte man den Speiseplan. Papyrus erwies sich als ein wichtiger Bau- und Werkstoff. Die Darstellung eines Forts an der Grenze zwischen Ägypten und Nubien beziehungsweise der im Vordergrund stattfindende Handel weist noch einmal darauf hin, dass die internationalen Beziehungen keineswegs nur militärisch, sondern auch ökonomisch geregelt waren. Die Vitrinen 8 und 9 wiederum füllen weitere Szenen aus dem Alltag Pharaos: Ramses II. macht Jagd auf wilde Stiere in den Sümpfen des Nildeltas und jagt andere Wildtiere in der Savanne. Er besucht die Bewohnerinnen seines Harems. Er überwacht den Transport eines Sphinx und eines meterhohen Monuments. Er führt einen Festzug zu Ehren des Sonnengottes Amun-Re an und ergeht sich auf dem von bunt bemalten Barken und Booten bevölkerten Nil. |